Wählt der Heilige zu seiner Wohnung: Sie ist gegen Süden gewendet, und wohl dürfen wir bei solcher Wahl ihm, dessen Seele so innig nach dem bräutlichen inneren Verkehr mit Gott und dem lieblichen Wehen seines heiligen Geistes verlangt, das Wort der Braut im Hohenlied (4, 16) in den Mund legen: „Hebe dich, Nordwind, und komme, Südwind! Durchwehe meinen Garten, und seine Wohlgerüche mögen ausströmen."
Die schweren Anfechtungen und harten Kämpfe, die ihm die eigene Natur und der Satan bereiteten, drängten den heiligen Jüngling oft zum heißen Gebet, dass der kalte Nordwind, der die zarten Tugendblüten seiner Seele zu verderben drohte, sich von dannen hebe und der warme, fruchtbare Gnadenerguß herbeiführende Südwind wehe. Wie seine Seele, so sollte bald auch die ganze Umgebung zu einem lieblichen Garten voll duftender Blüten und Früchte eines gottgeweihten Lebens werden, durch die zwölf Klöster, die St. Benedikt mit den seiner väterlichen Leitung zahlreich anvertrauten frommen Schülern bevölkerte.
An uns aber ist es, Gott zu lobpreisen und ihm zu danken, dass er die Wohlgerüche jenes seines Lustgartens nach allen Richtungen der Windrose ausströmen ließ, um die einem tödlichen Siechtum verfallenen Völker zu erquicken und neu zu beleben. Solch dankbaren Lobpreis werden sicherlich auch die zwei deutschen Benediktiner, deren Bericht über ihren Besuch in Subiaco wir folgen lassen, an der heiligen Stätte Gott dargebracht haben, verbunden zugleich mit dem inständigen Gebet, dass St. Benedikt durch seine mächtige und huldreiche Fürbitte bei Gott die Gnade erflehe, dass der eisige Nordwind, der sie so grausam vertrieb aus dem stillen und trauten klösterlichen Heim, endlich überwältigt werde von einem milderen Südwind, der sie auf sanften Schwingen in die so liebe deutsche Heimat zurückführen möge.
Nach einem Ritt von 2 1/2 Stunden waren wir von Rojate aus nach Subiaco gelangt und stiegen im unteren Kloster der heiligen Scholastika ab. Wir wurden von einem Pater und einem Bruder sehr freundlich aufgenommen. Es hatte bereits im Chor die Matutin begonnen, welche hier anticipiert zu werden pflegt. Am folgenden Morgen wurden wir vom hochwürdigen Gastpater hinaufbegleitet nach dem höher gelegenen Kloster S. Benedetto. Wie ganz eigen wird die Seele angeweht von der Luft an der Wiege unseres heiligen Ordens. Die Erinnerung an das strenge Einsiedlerleben, das St. Benedikt hier geführt hat, und an die Gnaden, die er hier für sich und seine Schüler und Verehrer erhalten hat, stimmt die Seele ernst und doch wieder höchst freudig.
Im Hintergrund der heiligen Grotte befindet sich im Halbdunkel eine weiße Marmorstatue, den heiligen Vater als Jüngling darstellend, sitzend, die Hände andächtig auf der Brust gekreuzt und die Augen sehnsuchtsvoll nach oben gerichtet. Für das Küssen des Fußes der Statue ist ein Ablass verliehen. Etwas tiefer liegt eine andere Höhle. Hier soll St. Benedikt die Hirten der Gegend versammelt haben, um ihnen das Evangelium zu verkünden.

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