Der Lutheraner, der um Messen bat

Es gab zwei Brüder: Andreas und Matthäus. Andreas, ein treuer Katholik, ging täglich zur Messe und war ein großer Verehrer der Jungfrau Maria. Matthäus hingegen hatte die Lehren Luthers angenommen; er leugnete das Fegefeuer und verspottete das Gebet für die Verstorbenen.

„Bruder“, sagte er zu Andreas, „wenn ich sterbe, komme ich entweder in den Himmel oder in die Hölle, aber es gibt keinen Zwischenort. Verschwende keine Zeit mit Gebeten für mich.“


Jahre vergingen, und Matthäus starb plötzlich. Andreas, tief bewegt, ließ Messen und Suffragien für seine Seele feiern, auch wenn er die Worte seines Bruders im Gedächtnis trug.

Einige Wochen später, als er eines Abends in seinem Zimmer den Rosenkranz betete, spürte Andreas einen leichten Windhauch, und ein sanfter Schimmer erfüllte den Raum. Vor ihm erschien Matthäus – doch nicht so, wie er ihn in Erinnerung hatte: sein Gesicht wirkte müde, und sein Blick war eine Mischung aus Schmerz und Hoffnung.

„Andreas, Bruder“, sagte er mit zitternder Stimme, „ich habe mich geirrt. Das Fegefeuer existiert… und hier bin ich.“

„Matthäus!“, rief Andreas, „wie ist das möglich? Du hast das doch immer geleugnet!“

„Ja, und wegen meines Hochmuts hat Gott zugelassen, dass ich mich in diesem Feuer der Liebe reinigen muss. Ich bin gekommen, um dir etwas zu erzählen, was ich hier gelernt habe und was mir Hoffnung gibt.“

Matthäus berichtete ihm, was er gesehen und von den Seelen gehört hatte, die befreit wurden. Er sprach davon, wie das kostbare Blut Christi, angewandt durch die Suffragien, die Tore zur ewigen Heimat öffnet. Und er erklärte, dass die Jungfrau Maria die Seelen mit ihrem Mantel bedeckt, und dass sie unter diesem Schutz das erlösende Blut Jesu finden.

„Andreas, wenn eine Messe für einen Verstorbenen gefeiert wird, erreicht uns dieses heilige Blut mit größerer Kraft. Und der Mantel Mariens ist wie das nahtlose Gewand, das sie selbst für ihren Sohn gewebt hat: Wer es trägt, empfängt zusammen mit dem Schutz der Mutter alle Früchte des Blutes des Erlösers.

Mein Bruder, bete für mich. Lass Messen feiern und bitte auch andere darum. Jede Messe ist wie ein Schlüssel, der meine Seele der Freiheit näherbringt. Ich, der diese Wahrheit so sehr verachtet hat, lebe nun von der Hoffnung, die sie mir gibt.“

Mit Tränen in den Augen versprach Andreas, dies zu tun. Von diesem Tag an verging keine Woche, in der er nicht Messen für seinen Bruder und für alle Seelen im Fegefeuer feiern ließ.

Mit der Zeit erschien Matthäus ein letztes Mal im Traum. Sein Gesicht war nun friedlich, bekleidet mit einem weißen Gewand, das wie von himmlischen Händen gewebt schien.

„Danke, Bruder“, sagte er mit einem strahlenden Lächeln. „Ich gehe jetzt dem entgegen, dessen Blut mich gerettet hat, und der Mutter, die mich mit ihrem Mantel bedeckte.“

Seitdem erzählte Andreas diese Geschichte jedem, der sie hören wollte, damit niemand vergisst, dass Messen für die Verstorbenen ein Schatz sind, der die Tore des Himmels öffnet.

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