ein Bruder einen alten Mönch von großer Heiligkeit besuchte.
Als er in dessen Zelle eintrat, fand er ihn tief betrübt und bekümmert, als ob er mit jemandem stritte, obwohl er ganz allein war.
Der Besucher fragte erstaunt:
„Vater, mit wem streitest du, da doch niemand bei dir ist?“
Der Greis seufzte und antwortete:
„Mein Sohn, glaube nicht, dass mein Leben in Frieden verläuft. Tag und Nacht kämpfe ich mit meinen eigenen Gedanken. Sie bedrängen mich und wollen mir das Gebet und die Andacht rauben. Sie greifen mich mit solcher Gewalt an, dass ich, selbst wenn ich die heiligen Bücher lese und auswendig lerne, kein einziges Wort im Herzen behalte, das mir nützlich wäre für das Werk Gottes. Stattdessen erfüllen mich leere Worte und unnütze Zerstreuungen.“
Und er fügte hinzu:
„Die Dämonen müssen gar nicht sichtbar hier erscheinen, weder mit Stimmen noch mit Bildern. Es genügt schon, dass meine eigenen Gedanken, aufgewühlt und widerspenstig, mich unaufhörlich bedrängen. Dieser innere Kampf ist härter als jeder äußere, denn niemand sieht ihn, niemand kann mir darin beistehen – außer der Herr selbst, der die Herzen prüft.“
Das Geräusch des Widerstands
In der Vita Patrum wird berichtet, dass ein Bruder zu einem syrischen Abt ging und sich beklagte:
„Als ich noch in der Welt war, wurde ich nicht so von Gedanken angegriffen wie jetzt, da ich Gott dienen will.“
Der Abt antwortete:
„Bruder, siehst du nicht, wie die Stöcke und Steine, die im Fluss liegen, ein Geräusch machen, weil sie dem Wasser widerstehen? Würden sie nicht widerstehen, sondern sich der Strömung überlassen, gäbe es kein Geräusch, keinen Aufprall, keinen Kampf.
So ist es auch mit den Gedanken: Wer ihnen keinen Widerstand leistet, wer sich von ihnen treiben lässt, erfährt keinen Kampf – aber auch keine Hoffnung auf ewiges Leben. Denn nur der, der kämpft, kann gekrönt werden.
Alles, was du erleidest, dient deiner Läuterung und zur Mehrung deiner himmlischen Krone. Fürchte also den Kampf nicht, sondern erkenne darin ein sicheres Zeichen: Gott will dir durch diesen Widerstand den Sieg bereiten.“
Der enge Weg
In derselben Sammlung wird erzählt, dass ein alter Mönch einen Weisen fragte, wie man das Wort Christi verstehen solle:
„Eng ist der Weg, der zum Leben führt.“
Der Weise sprach:
„Dieser enge Weg gleicht einem schmalen Durchgang, der alles zurückstößt, was den Eintritt hindert. So auch muss der Geist oder das Herz die bösen Gedanken zurückweisen und verjagen.
Je näher der Mensch der Erde wandelt, das heißt in Demut und Niedrigkeit, desto weniger fürchtet er den schmalen Pfad. Wer aber hoch hinaus will, wie auf einer Brücke über einem tiefen Abgrund, der verlangt nach Weite und Sicherheit.
Darum bedeutet die Höhe Stolz, die Tiefe aber Demut. Der enge Weg ist der Weg der Demut, der ins Leben führt. Der breite Weg aber ist der Weg des Stolzes, der ins Verderben führt. Christus selbst ging den Weg der Niedrigkeit, und nur wer ihm darin folgt, gelangt zum Himmel.“
Das Ausharren im Kampf
Es wird auch berichtet, dass ein Bruder zehn Jahre lang von unreinen Gedanken gequält wurde. Tag für Tag versuchte er, sie zu vertreiben, aber sie kehrten unaufhörlich zurück. Schließlich verzweifelte er, legte den geistlichen Kampf nieder und wollte ins weltliche Leben zurückkehren.
Doch gerade als er den Weg zurück in die Welt eingeschlagen hatte, hörte er eine Stimme vom Himmel, die sprach:
„Du hast zehn Jahre gekämpft. Diese Jahre sind gezählt und in deine Krone eingefügt. Kehre zurück, und ich werde dir helfen.“
Von dieser Zusage gestärkt, gewann er neuen Mut, kehrte um und blieb standhaft. Nach vielen weiteren Kämpfen wurde er endlich von der Versuchung befreit. Von da an diente er Gott treu, und sein Herz war erfüllt von tiefem Frieden.
Die aufgestaute Strafe der Gedanken
Im Buch der geistlichen Gaben wird berichtet, dass es eine Frau gab, die im Leib vollkommen keusch war. Doch in ihrem Inneren gab sie den bösen Gedanken nach und fand Gefallen an ihnen.
Als sie starb und einige Tage später ihr Grab geöffnet wurde, offenbarte sich ein schreckliches Zeichen: Von der Brust aufwärts war ihr Leib völlig verbrannt, während der untere Teil unversehrt geblieben war.
So wollte Gott lehren, dass er nicht nur den äußeren Körper betrachtet, sondern vor allem das Herz. Denn die geheimen Gedanken, die der Mensch in sich hegt, sind vor Gott nicht verborgen, und sie entscheiden über Leben und Tod.
Die beharrliche Versuchung
Jakob von Vitry erzählt von einem Mann, der unaufhörlich von unreinen Gedanken geplagt wurde. Er suchte Rat bei vielen Weisen und Vätern, doch keine ihrer Anweisungen konnte ihn befreien.
Da beschloss er, seine Gedanken mit gegenteiligen Gedanken zu bekämpfen. Und er sprach zu sich selbst:
„Werden etwa die Verdammten, die diese Sünden begangen haben, nach tausend Jahren erlöst?“
Sein Gedanke antwortete:
„Nein.“
Er fragte weiter:
„Und nach hunderttausend Jahren?“
Die Antwort blieb dieselbe:
„Gewiss nicht.“
Da begriff er: Alle Lust, die aus den Gedanken kommt, ist eitel und ohne Bestand, denn ihr Lohn ist ewige Qual. Von da an bemühte er sich mit noch größerem Ernst, den reinen Weg zu suchen. Er wusste nun: Wer in den kleinen Dingen treu bleibt, den bewahrt der Herr vor dem ewigen Verderben.n einem Kloster in Asien lebte ein alter Mann von grobem und nachlässigem Charakter. Er hatte einen jungen Schüler namens Akakios, einfach im Gemüt, aber von großer Klugheit und Besonnenheit. Akakios ertrug unzählige Leiden unter der Gehorsamspflicht gegenüber dem alten Mann: Beleidigungen, Demütigungen und fast tägliche Strafen. Dennoch nahm er alles mit Geduld hin, im Bewusstsein, dass diese Opfer seine Seele stärkten und seinen Geist reinigten.
Jeden Tag, wenn ich den jungen Mann in solchem Elend sah, fragte ich ihn, wie es ihm gehe. Akakios zeigte mir seine Wunden und Verletzungen, und ich, die Geduld und innere Stärke des Jungen anerkennend, sagte: „Gut so, ertrage männlich; am Ende wirst du die Frucht deiner Standhaftigkeit und deines Glaubens sehen.“ Nach neun Jahren harter Gehorsamspflicht starb Akakios und wurde beigesetzt.
Fünf Tage später ging Akakios’ Meister zum Friedhof und hörte überrascht die Antwort des Jungen aus dem Grab: „Wie kann ein Mensch sterben, der der Gehorsamspflicht geweiht ist?“ Bewegte bat der alte Mann den Abt des Klosters, seine Zelle neben dem Grab von Akakios zu errichten, um so den Wert, die Heiligkeit und den beispielhaften Gehorsam des Jungen anzuerkennen.
Juan Sabbayta erzählte eine ähnliche Geschichte: Ein Schüler namens Antiochos wurde einem sanften und gütigen Mönch zugeteilt. Anfangs wurde Antiochos geehrt, doch nach reiflicher Überlegung erkannte er, dass er wahre Demut und Geduld lernen musste. Er bat um Erlaubnis, in ein anderes Kloster zu wechseln, wo er Visionen hatte, in denen er Rechenschaft über sein Leben ablegen musste und sah, dass er große geistige Schulden hatte.
Erkennend, wie wichtig Gehorsam und Buße waren, widmete sich Antiochos den härtesten Arbeiten, diente mit Demut und stellte manchmal Unwissenheit vor, um seine Aufgaben besser zu erfüllen. Nach dreizehn Jahren geduldigen Dienstes erhielt er eine weitere Vision, die ihm offenbarte, dass seine gesamte Schuld beglichen war. So ertrug er alle Schwierigkeiten mit Freude und Geduld und zeigte, dass Gehorsam, Opferbereitschaft und Beständigkeit das Herz verwandeln und von der Last der Schulden befreien, sowohl materieller als auch geistiger Natur.
Diese Geschichten lehren, dass wahre Heiligkeit nicht durch Komfort oder äußere Anerkennung gemessen wird, sondern durch Geduld im Leid, stillen Gehorsam und beständige Liebe zu Gott und den Mitmenschen.

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